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Neue Weiblichkeit oder nur Voyeurismus? Die dicke Beth Ditto und ihre Band „The Gossip“ erobern Charts und Medien. Eine Liebeserklärung (mit bitterem Nachgeschmack) an die vielleicht beste CD unserer Generation
Ich glaube, es fing alles mit Jennifer Hudson an. Oder mit Queen Latifah. Plötzlich tauchten jedenfalls mollige Frauen in den Medien auf, die singen konnten, gut aussahen und scheinbar höchst zufrieden mit sich waren. Und das Publikum liebte sie. Allein, für die ganz große internationale Karriere reichte es nicht. Doch dann kam eine, deren Stimme um die Welt ging. Beth Ditto, 1,55 Meter groß, knapp 100 Kilo schwer, 28 Jahre alt, offen lesbisch, mittlerweile beste Freundin von Kate Moss und neuerdings immer öfters auf Fashion-Shows zu sehen – von Karl Lagerfeld (Mr. Slim persönlich!) bis zu Jean-Paul Gaultier (dessen Muse Agyness Deyn ja bekanntlich schlank und groß ist).
Forscher weltweit behaupten, Dittos Erfolg sei eine Auswirkung der Rezession, dicke Frauen symbolisierten nun mal Wohlstand und Überfluß. Feministinnen feiern den Niedergang des Body Mass Index. Und Klatschspalten können gar nicht genug bekommen vom schrillen, neuen It-Girl, das so anders ist als alle vor ihr. Bei allem Enthusiasmus um die dicke Frau mit der großen Stimme bleibt aber doch ein negativer Beigeschmack zurück. Löst sie wirklich die längst überlebte Ära Klum und Beckenham ab? Oder will sich die Gesellschaft nur an ihrer Andersartigkeit ergötzen, bis sie ihrer überdrüssig ist und sich einem neuen lebendigen Schocker zuwendet? Das Traurige ist, dass Beth Ditto zwar auf einer Welle des Erfolgs schwimmt, allerdings weniger ihrer Musik wegen, als vielmehr aufgrund ihres provokanten Auftretens.
Dabei ist die aktuelle Gossip-CD „Music For Men“ musikalisch schlichtweg das Beste, was seit langem auf den Markt kam. Und eine erfrischend aufrichtige Provokation – ganz anders als Janet Jacksons Nipplegate, Madonnas Kußszene mit Britney Spears und ähnlich lahme, einstudierte Marketing-Reißer.
Denn Beth Ditto lebt die Provokation.
Als Lesbe in einer Wohnwagensiedlung im amerikanischen, prüden Arkansas aufgewachsen, engagierte sie sich schon früh in der regionalen Punkszene. Ein echter Außenseiter, ein Freak. Kaum volljährig verließ sie Familie und Spießigkeit und floh nach Olympia, Washington, wo sich Anfang der 90er viele feministische Frauenbands als Gegenbewegung zur von Männern dominierten Rockszene zusammenschlossen. Hier beginnt die eigentliche Geschichte der Band, die neben Wuchtbrumme/Frontfrau Beth Ditto noch aus Hannah Billie (seit 2006) und Nathan Howdeshell besteht. Dreh- und Angelpunkt der Band ist aber die exzentrische Ditto. Sie posiert nackt für Modemagazine, strippt regelmäßig auf ihren Konzerten bis zur unsexy grauen Oma-Unterwäsche, sitzt bei Modenschauen in der ersten Reihe und zeigt gerne jedem Fotoapparat ihr Lieblingstatoo, das Wort „sisterhood“, das auf ihrem kolossalen Hintern eintätowiert ist. Und wenn sie nicht gerade die Hüllen fallen lässt, zwängt sie sich gerne in hautenge Pailettenfummel und Catsuits, die ihre Massen kaum bändigen können. Ein echter Hingucker unter den sonst so glatt gebügelten Idealmaßen der Popmaschinerie.
Aber reden wir über ihre Musik.
Die Band liefert einen umwerfend schönen, schlichten Mix aus New-Wave und Indie-Rock, dominiert von der Kirchenchor-geschulten, manchmal etwas melancholischen Stimme der Beth Ditto. Ist es Punk? Ist es Soul? Ich denke, es ist beides, so perfekt harmonierend, eingängig und tanzbar wie man es noch nie gehört hat. Das neue Album „Music For Men“ ist das vielleicht beste der Band bisher, produziert von Großmeister Rick Rubin („Metallica“, „Red Hot Chilli Peppers“, „Justin Timberlake“). Wo Gossip sich früher ausschließlich als Gitarrenband verstand, kommen nun zu Schlagzeug, Gitarre und Bass noch einige wenige Elektro-Klänge hinzu, ein nachvollziehbarer Schritt, denn es ist genau der Anteil „Dance“, der einigen älteren Songs vielleicht noch zum Welterfolg gefehlt hatte. Die Single „Heavy Cross“ schoss so folgerichtig in Deutschland auch sofort in die Charts, denn Gossip hat das Zeug, Soundtrack unserer Zeit zu werden.
Die Mode-Bibel „Vogue“ hat sich vor kurzem ob des Ruhmes der dicken Ditto, sogar dazu hinreißen lassen, die Frage aufzuwerfen, ob „dick das neue chic“ sei. Aber um diesem Medienwahn zu erliegen, ist die kleine Powerfrau aus der Wohnwagensiedlung viel zu schlau. Sie weiß, das alles ist nur ein großer Zirkus, eine Woge der Zuneigung, die sie für kurze Zeit nach oben spült, aber jederzeit auch wieder überrollen kann. Der Mainstream feiert sie zwar momentan, und sie nutzt ihn geschickt, um ihre Musik populär zu machen, aber wirklich akzeptiert ist die Ditto keineswegs. Sie wird vielmehr in den Medien vorgeführt, wie früher die bärtige Frau im Zirkus. Beth Ditto galt in ihrer Jugend als Freak - und daran hat sich bis heute nichts geändert. Wie ein drolliges Hündchen, das man kurz mal auf den Schoß hebt, dann aber möglichst schnell wieder wegschiebt, damit es das Chanel-Kostüm nicht vollhaart. Das wäre eine traurige Geschichte, wenn Beth Ditto sich nicht bewusst den Medien hingeben würde. Denn mit ihrer Freakshow erreicht sie vielleicht keinen langfristigen Ruhm, aber sie erreicht die Herzen ganz vieler Menschen da draußen, die sich gut fühlen, mal jemanden im Fernsehen zu sehen, der „anders“ ist, es aber geschafft hat. Eine dicke Frau mit Weltruhm. Eine Lesbe die sich nicht verstecken muss. Eine Frau aus einer Wohnwagensiedlung, die Karriere macht. Beth Ditto ist nicht nur einfach schrill und dick. Sie verkörpert die Wünsche all derer, die anders sind und anders sein wollen als Heidi Klum und Co.
Und sind das nicht eigentlich die meisten auf dieser Welt?
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