Es begann alles mit dem Stummfilm…

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Es begann alles mit dem Stummfilm…
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Neues für Mutige: Schwarze Lippen sind wieder „in“

Meine beste Freundin und ich teilen eine Leidenschaft. Für Filme. Einmal die Woche treffen wir uns, und gönnen uns eine DVD-Nacht mit uralten Schinken, neuesten Horror-Schockern, intellektuellem Kram und allem sonst, was die DVD-Abteilung unserer Videothek so zu bieten hat (die Duzen mich da schon!).

Clara Bow - LippenstiftUnd dabei sind wir gerade auf ein für uns neues Genre gestoßen – den Stummfilm. Herrlich simple, aber psychologisch raffinierte Filme, ganz ohne Special-Effekte, Verfolgungsjagden oder große Explosionen. Unser aktueller Lieblings-Film ist „It“ mit Clara Bow aus dem Jahr 1927. Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein junges Mädchen verzaubert einen gutaussehenden Playboy mit ganz, ganz viel „It“, nämlich Sex-Appeal. 1927 war also die Geburtsstunde des „It“-Girls  (Ob Paris Hilton, Katy Perry und Co. das überhaupt wissen?) Jedenfalls hat die Bow dieses Gewisse Etwas, der Film lebt nur von ihrem Ausdruck, ihren Augen, ihren Lippen. Und es macht einfach Spaß, besonders für einen Beauty-Junkie wie mich, dieses Gesicht näher zu studieren: Der Teint stets Porzellan-weiß, makellos geschminkt, statt kräftigem Rouge oft nur ein Schatten unter den Wangen. Die Lippen keck, frech und sehr sinnlich. Und dabei entdeckte ich etwas, das seit den Achtzigern ein bisschen in Vergessenheit geraten ist:

Schwarze Lippen können eigentlich sehr sexy sein.

Nun ist der Lippenstift zwar keine Erfindung des Stummfilms, denn Ausgrabungen in der summerischen Stadt „Ur“ (im heutigen Irak) belegen, dass Frauen bereits 3.500 Jahre vor Christus ihre Lippen mit getönten Salben färbten. Aber der wirklich große Durchbruch für den kleinen Klecks Farbe kam erst Anfang des 20. Jahrhunderts, mit der Ära der ersten großen Kino-Filme. Die damaligen Stummfilmstars wie Clara Bow, Mae Murray oder die deutsche Brigitte Helm (Metropolis!) machten den Lippenstift populär, salonfähig und zum neuen Must-Have. Denn damals war es wohl einfach Zeit für eine kleine Revolution. Die Frauen emanzipierten sich, gingen auf die Straße und demonstrierten für ihre Rechte. Bereits Anfang 1900 trugen die Suffragetten auf ihren Protestmärschen Lippenstift als Zeichen einer neuen Ära.  In den Zwanzigern trank die moderne Frau illegal gebrannten Whiskey, tanzte nächtelang Charleston und etablierte sich ganz bewusst als aufreizendes, aber stets mondänes Sex-Symbol. Wie praktisch, dass zeitgleich die Technik fortschritt und endlich einen Lippenstift in Metallhülsen anbot, den sich jede Frau leisten konnte, und der nicht wie seine Vorgänger-Modelle die Handtaschen vollschmierte. Die Frau der goldenen Zwanziger konnte also unbekümmert losziehen, wild feiern, leidenschaftlich küssen und jederzeit Farbe nachlegen.

Stil-Vorbilder und Make-up-Vorlage waren aber wie gesagt die großen Kino-Stars. Schwarzweißfilme lieferten die Inspiration zum kleinen, kecken „Bienenstich-Mund“ dieser Zeit. Als Erfinder dieser Schminktechnik gilt Max Factor, der 1904 in Los Angeles einwanderte, und einen Make-up-Shop eröffnete. Clever, denn die damals aufkommende Filmbranche brauchte dringend Hilfe. Das Problem der Traumfabrik war, dass die Schauspielerinnen ein maskenhaftes Make-up trugen, das zwar unter den brütendheißen Scheinwerfern nicht zerfloss, dafür aber jede Mimik, jeden Ausdruck so gut wie unmöglich machte. Max Factor erfand 1914 die „Flexible Greasepaint“, das erste Profi-Make-up der Filmwelt, das sich cremig-leicht und flexibel dem Gesicht anpasste. Die Lippen wurden einfach mit-überschminkt und dann anschließend neu mit Farbe bemalt, kleiner und hervorstechender als die eigentlichen Konturen gewesen wären – der „Bienenstich“ war geboren. Aber warum schwarz? Weil die dunkle Signalfarbe auf den Zelluloidfilmen am deutlichsten hervorleuchtete. Ein Trend war geboren, der sich in Flüsterkneipen und auf privaten Soirees fortsetzte. Übrigens dauerte es nur ein paar Jahre, bis die prüden Amerikaner versuchten, dem selbstbewussten Lippenstift den Gar aus zu machen. 1924 warnte das „New York Board of Health“, dass Lippenstift die Männer vergiften könne, die von geschminkten Frauen geküsst werden. Allerdings kam diese kleine Notlüge der Moralisten zu spät: Allein in den USA trugen bereits 50 Millionen Frauen regelmäßig Lippenstift.
 
Das Revival kam mit dem Punk

LipsIn den nächsten Jahrzehnten durchlief der Lippenstift viele kulturelle Veränderungen, die sich vor allem in den Lieblings-Farben der Frauen zeigten.  Während der Depression der 30er Jahre wurden die Lippen eckiger, strenger (man hat sofort das Bild der stählernen Greta Garbo vor Augen). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Lippen zum Zeichen einer selbstbewussten Generation, die Männer waren im Krieg, die Frauen hielten zuhause die Stellung. Leinwand-Heldinnen wie Rita Hayworth und Bette Davis trugen den vollen, sinnlich-roten Mund als Symbol von Stärke und Entbehrung.

Dann wurden die Lippen neutraler. Die Hollywood-Göttinnen sahen auf einmal eher aus wie „das Mädchen von nebenan“ und trugen Nude-Töne oder zartes Rosa, in der Disco-Ära auch mal Weiß oder schillerndes Silber. Sexy? Unbedingt! Aber dennoch immer ein wenig zurückhaltend, sozusagen mit angezogener Handbremse, zumindest was die Lippenfarbe betrifft.

Aber die Achtziger! Das Lebensgefühl nach Twiggy, Studio 54 und Brigitte Bardot änderte sich schlagartig. Die Frau wollte nicht länger süßes Sexsymbol oder Heimchen am Herd spielen, sondern provozieren. Vorbilder dieser Zeit waren starke Reizfaktoren wie Madonna und folgten eher einer Anti-Schönheits-Bewegung, statt angepasst niedlichem Charme. Die „Riot-grrrls“, feministische Power-Bands (die ihren Einfluss bis heute auf die Popszene haben, siehe Beth Ditto), pinselten ihre Lippen in unverschämtem Schwarz, violett oder Blau – und sahen einfach großartig aus!
 

Herbsttrend 2009 : M.A.C. und der schwarze Ritter

Fast ein Jahrhundert nach dem Stummfilm, und gut 25 Jahre nach dem Punk der Achtziger ist der schwarze Lippenstift also wieder zurück. In seiner schönsten Form zu sehen bei M.A.C., als Teil der „Style Black“-Kollektion. (Leider limitiert!).

Aber wie konnte es dazu kommen? Nun, es ist eben wieder einmal Zeit für eine kleine Revolution! Seit den späten Neunzigern haben wir uns immer mehr zurückgezogen, in die eigenen vier Wände, Stichwort „Cocooning“. Plötzlich boomten Zeitschriften, die uns vorführen, wie wir unser Zuhause aufhübschen, man kochte wieder und lud Freunde zu sich ein, statt auszugehen und jede Nacht durchzutanzen. Harmonie, Wertegesellschaft und neue Moral der Jugend – das machte auch vor dem Lippenstift nicht Halt. Dauertrend seit gut zehn Jahren ist folgerichtig der „Nude-Look“. Blasse, fast ungeschminkte Lippen, wenig Rouge, alles so dezent und natürlich wie möglich. Frauen lernten, erstaunlich lang vor dem Spiegel zu stehen, um so auszusehen als wären sie gar nicht geschminkt. Alles schimmert pastellig, zart, so genannte Non-Colours sind in. Und was hat uns all das gebracht? Eine Weltwirtschaftskrise. Dauer-Angst vor terroristischen Anschlägen. Hartz IV. Die Klimaerwärmung.

MAC - Lippenstift schwarzDie traute Harmonie und Glückseligkeit der letzten Dekade platzt in einer riesigen Seifenblase. Und wir müssen neue Stärke zeigen, Selbstbewusstsein. Deswegen sind diesen Herbst die Schulterpolster wieder in, und deswegen finde ich schwarze Lippen einfach großartig. Als Statement, dass es vorbei ist mit dem „Nett-sein“. Wer will, darf wieder Gas geben und es krachen lassen. Motto: Wir haben vor gar nichts Angst! Nichts kann uns umhauen! Und wir sehen großartig aus, so wie wir uns fühlen! Da trifft M.A.C. mit „Style Black“ (wie immer eigentlich) absolut den Nerv der Zeit. Die gesamte Range, die nur im Oktober und November erhältlich sein wird, bietet eine ganze Welt für Schwarz-Fans, von intensivem Khol, über schwarzen Nagellack bis zu drei fantastischen Lippenfarben, beziehungsweise, eine Farbe, nämlich tiefstes schwarz, in drei Varianten: Als cremiger Lippenstift „Cremesheen Lipstick Black Knight“, als „Mattene Lipstick Midnight Media“ oder als glossiger „Glimmerglass Blackware“.  Passend dazu sollte der Teint sehr pale-blass bleiben, höchstens mit viel Smokey-Eyes-Dramatik. Nicht wirklich alltagstauglich, aber für eine aufregende Nacht das außergewöhnlichste und aufregendste Make-up der Saison. Wie gesagt: Wer sich’s traut. Und wer noch ein bisschen Inspiration braucht, holt sich in der Videothek einen der großartigen Stummfilme, von „IT“ bis „Intolerance“. Denn wie heißt es so schön: Alles war schon einmal da. Der wilde Punk der Achtziger ist auch nur ein Remake der Stummfilm-Ära, die Provokation war vor 25 Jahren nicht größer als vor hundert.

Und heute, in Zeiten des „eigentlich-geht-alles“ sind schwarze Lippen sowieso kein Schocker mehr, sondern einfach nur ein selbstbewusstes, und wirklich sexy Make-up. Sooo wahnsinnig mutig müssen Sie also eigentlich gar nicht sein…

 

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