Haute Parfumerie aus Zürich

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Vero Kern, die Nase Zürichs, meldet sich zurück.

Bereits mit ihren ersten Parfum-Kompositionen, Kiki, Rubj und Onda überraschte sie vor fünf Jahren die Duft-Welt und machte sich schnell, auch international, einen großen Namen unter Kennern der Parfum-Branche. Vor allem auch deshalb, weil sie damals das Feld von hinten aufrollte und zuerst von allen 3 Düften eine Extrait Version präsentierte.

Ungewöhnlich war dieser Weg, zumeist wird es in umgekehrter Reihenfolge gemacht, aber ungewöhnlich ist auch Vero Kerns Vita und ihr Weg. Weniger als Spätberufene, viel mehr mit lebenserfahrener Reife, mischte die damals 65 jährige die Parfum-Welt gehörig auf und machte schnell von sich reden. Ihre Arbeiten waren so ungewöhnlich, so reich und voller Eigenleben, selten werden Parfums heute noch so großzügig komponiert. Von zurückhaltendem Minimalismus hält sie nicht viel, ihre Parfums sind opulent, tiefgründig und vielfältig, allerdings ohne dass Vero Kern dafür ein Durcheinander an Rohstoffen verwenden würde. Ihre Liebe und Verehrung gilt der großen französischen Parfumkunst, in derer Tradition sie auch arbeitet. Mit wenigen exquisiten und ausgesuchten Ingredienzien schaffte sie bisher mit jedem ihrer Parfums ein Meisterstück.

Die Schweizerin liebt die Arbeit mit gehaltvollen und satten Duftstoffen und fügt jedem ihrer Parfums eine ungewöhnliche Note bei, die verhindern soll, dass etwas zu rund, zu glatt und zu gefällig wirkt. Ihrer Auffassung nach, braucht ein guter Duft eine etwas dreckige Note, eine Prise Raffinesse und Verruchtheit. Erst dadurch wird ein Spannungsbogen erzeugt und ein Parfum kann zu seiner wahren Identität finden.

Schauen wir uns also einmal das neuste Werk der charismatischen und unkonventionellen Parfumeurin an.

„Mito“, geboren aus einem Besuch des mystischen Gartens der Villa d’Este in Tivoli/Italien, spiegelt die sprudelnde Lebendigkeit und die unschuldige Freude wieder, die dieser Besuch ausgelöst hat. Vero Kern war zutiefst beeindruckt von der Atmosphäre dieses Gartens und seine Einmaligkeit inspirierten sie tief und nachhaltig. Der Garten mit seinen unzähligen Märchengestalten und Fabelwesen, eröffnete ihr die Erinnerung an gefühlsintensive Kindertage und sie nahm dort all die phantastische Schönheit mit einem großen kindlichen Staunen wahr.

Die quirlige Lebendigkeit tanzender Wasserspiele und die warme Luft, die sanft durchzogen ist vom Odeur des späten Frühlings, mit seinen Aromen von holzig-floralen Magnolien, betörendem Jasmin, krautigem Moos und saftig-grünen Blättern, das sind die Essenzen von „Mito“.

Und so startet „Mito“ auch sogleich mit einer grünen Energie, die unheimlich mitreißend, fast schon erweckend und aufputschend wirkt. Im nächsten Moment offenbart sich auch schon der Zauber, der ein Vero Kern Parfum ausmacht: Intensität. Gelebte Intensität, die nichts zurückhält, alles gibt und sich angstfrei offenbart. Die zitrische Frische ist gewaltig und raumgreifend und versteht doch auch Nasen mit weniger Zitronen-Affinität zu begeistern. Das liegt vermutlich daran, dass die zitrisch-frische Eröffnung keine saure ist. Ein wenig muss ich an leckere Zitronen-Bonbons denken, die zwar säuerlich sind, von denen aber doch eine gewisse Bonbon-Süße ausgeht. Wobei „Mito“ keine Süße besitzt! Der Bonbon-Vergleich soll nur veranschaulichen, dass die zitrischen Noten unsauer sind. Unvermittelt frage ich mich dabei: Ist das schon Kunst? Kunst liegt immer im Auge des Betrachters und in jedem Fall ist es Können! In unserem Interview Teil 1, Teil 2 und Teil 3 hat Vero mir verraten, dass sie der Magnolie, der Haupt-Protagonistin des Duftes, Lemongras an die Seite gestellt hat. Lemongras wirkt auf den ersten Blick sehr zitronig, zeigt sich dann jedoch als viel weicher und leuchtender, als man vermuten würde. Die Ähnlichkeit zur Verbene ist vermutlich auch dafür verantwortlich, dass ich im frühen Verlauf der Kopfnote spontan an „Philtre d’Amour“ aus dem Hause Guerlain denken muss. Denn auch bei diesem Klassiker fiel mir diese extrem weiche und gefällige Zitronigkeit auf, die wohl von der Verbene herführt. Die Ähnlichkeit hört hier aber auch schon wieder auf, es scheint sich nur um einen einzelnen Akkord zu handeln und dieser gefällt mir in „Mito“ sogar noch viel besser, weil er strahlender wirkt. Wo die Guerlainsche-Rarität ein wenig sperrig, fast schon schwierig wirkt, ist „Mito“ erfrischend anders, wohltuender und lebendiger.

Überhaupt überrascht „Mito“ mit ungewöhnlich knackigen Grün-Tönen und einer strahlenden, luziden Machart. Alles scheint lichtgeflutet zu sein und von einem Strahlen begleitet zu werden. Das macht „Mito“ meines Erachtens auch so besonders und leicht tragbar. Vielleicht ist dieser neue Duft von Vero Kern sogar der bisher gefälligste von allen.

Die grüne Kopfnote hält lange vor, besonders das etwas stechende Galbanum bleibt lange präsent und es ist schön zu beobachten, wie sich all die Blätter und Gräser langsam entfalten und sich eine sanft-florale Atmosphäre ausbreitet. Der Jasmin gewinnt immer mehr an Intensität und wie von Zauberhand geführt, sind auch Orangenblüten auszumachen, die sich ebenfalls hell strahlend ins zauberhafte Gesamtkunstwerk einfügen.

Zu diesem Moment wird auch die Nähe zur klassischen Parfumkunst sehr deutlich und „Mito“ offenbart ein klassisch-anmutiges Herz. Feminine Weichheit webt einen seidenen Schleier aus Weiblichkeit und Sinnlichkeit.

Eine bewusste Weiblichkeit, die nicht nach außen getragen werden muss, sondern sanft die Trägerin umhüllt. In dieser selbstverständlichen Weiblichkeit mischt dann etwas mit, was doch noch eine Spur Verlangen wiederspiegelt. Wildes, ungezähmtes Verlangen, das sich allerdings nur auf und durch die Wärme der Haut entfaltet! Auf dem Papierstreifen stellt sich diese erotische Korrespondenz von Duftstoff und Haut nicht ein, diese sollte man sich jedoch keinesfalls entgehen lassen.

Die dunkelgrüne Seele Mitos ist tiefgründig und einladend.

Es lohnt sich über alle Maßen diesem neuen Parfum Vero Kerns Aufmerksamkeit und Zeit zu schenken. „Mito“ entlohnt mit klassischer Schönheit und Langlebigkeit, die den Tag begleitet und den Abend  erahnen lässt.

Herzliche Grüße
Eure Evelyn

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Wenn Passion, Leidenschaft und Berufung zusammenfinden und ineinander fließen, dann kann das nur einen einzigen Grund haben: Aus Liebe zum Duft! :-)

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