Roaring Twenties – Rouge Assassin

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Die Sehnsucht nach Vergnügen wird in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts fast schon zur Sucht. Die Menschen dürsteten nach Ablenkung und Vergnügen und für viele war die wichtigste Frage des Tages: Wohin heute Abend? Welchem Vergnügen können wir heute frönen, wo tanzen, lachen und ungeniert Spaß haben? Allabendliche Tanzveranstaltungen, Varietes, Schauspielhäuser und Kinoprogramme lockten die Menschen in Scharen auf die Straßen und man konnte den Eindruck gewinnen, dass sich die Menschen nie zuvor so zu amüsieren wussten. Herz und Gemüt waren unersättlich und voller Hunger auf Leben, Liebe und Freiheit. Das galt insbesondere für die Frauen dieser Zeit.

Wie ein Befreiungsschlag müssen sie die „Roaring Twenties“ empfunden haben. Die Frauen waren plötzlich mit Selbstbewusstsein ausgestattet, das ungeahnte Ausmaße annahm. Mätressen wurden zu Garçonnes, es wurde geraucht, getrunken, gesportelt und getanzt. Sexy, geheimnisvoll, tabulos und endlich von einengenden Zwängen und Prüderie befreit, waren die Zwangziger bewegte Zeiten. Die freie Liebe wurde ebenso propagiert, wie die modische Emanzipation, die die Mode vollkommen neu interpretierte. Spaß lautete die Maxime.


Sonnenaufgang in Paris 1928

Das Korsett wurde endlich abgelegt, die Rocksäume der schwingenden Kleider und Röcke rutschten nach oben, Fransen flatterten beim Charleston und vor allem war es die Zeit der modischen Accessoires. Teils bubenhaft-frech, teils frivol-aufreizend, hatten Gürtel, Stoffschlaufen, lange Handschuhe, Strumpfbänder, Schleifen, Stirnbändern, Bubikrägen, Perlenketten, Federboas und allen voran die Zigarettenspitze, ihren großen Auftritt und waren kaum wegzudenken aus jenen Zeiten. Die typische, altbackene Weiblichkeit hatte ausgedient, ein ganz neues Frauen-Model wurde geprägt, noch heute finden wir viele Elemente dieser Zeit, in der Mode. Verführung fand statt mit kokettem Augenaufschlag und provokativ, zur Schau gestellten weiblichen Reizen, oder durch den Garçonne-Look, der eindeutig androgyn ausgerichtet war.

Ja, all das konnte man für damalige Verhältnisse durchaus als skandalös bezeichnen.

Stefan Zweig beschrieb die „leuchtende Stätte der Lust“ so:
Die Luft ist schwer vom Duft schwülen Parfüms. Elegante Gestalten mit Bubikopf, Smoking und Monokel lehnen melancholisch an den weißen Säulen. Schlanke blasse Schönheiten mit tiefen Dekolletés und Schultern wie aus Porzellan flanieren vorbei, niemand wagt zu sagen, wer hier Frau ist und wer Mann.

In eben jene Aufsehen erregende Zeit katapultiert uns Jovoy, nun mit dem neuen Duft „Rouge Assassin„. Inspiriert sah sich Francois Henin von den beiden Frauentypen, der „La Maitresse de ces Messieurs“, der Geliebten eleganter Herren also, und der “Garçonne“, jener androgyn und emanzipierten Schönheit. Gemeinsam mit der Parfumeurin Amélie Bourgeois (die Nase hinter den Kreationen von Lostmarc’h), kreierte er eine Hommage an die furchtlose, unaufhaltsame Frau der 20er Jahre und setzte dieser neuen Weiblichkeit, mit „Rouge Assassin“ ein olfaktorisches Denkmal.

Francois Henin selbst sagt zu „Rouge Assassin“:
Ich präsentiere eine betörende Spur von Lippenstift, Haut und Blumen, die Männer angenehm erregen wird und Frauen zur Verzweiflung bringt – aber immer in ihrem besten Interesse.

Oha! Lippenstift, Haut und Blumen! Wow! Wer könnte da schon widerstehen?! Man denke nur an „Moulin Rouge„, den überaus betörenden Lippenstift-Puder-Duft aus dem Hause Histoires de Parfums. Aber Stopp! Daran denken dürfen wir, jedoch nicht vergleichen, denn die beiden gehen doch sehr unterschiedliche Wege und ihre Gemeinsamkeit beschränkt sich auf die Lippenstiftnote. „Moulin Rouge“ ist von einem deutlichen Vintage-Touch geprägt und es dominiert dort die atemberaubend schöne, trockene Leder-Iris-Kombination.

Rouge Assassin“ ist von leiserer Gestalt und kommt mit weniger Krawumm um die Ecke. Wie ein überaus geschickter Attentäter, verharmlost „Rouge Assassin“ zuerst sein wahres Ich, nur um dann vollkommen unerwartet zuzuschlagen. Zart-pudrige Anfangs-Akkorde erzeugen eine warme Wolke aus dezenten Pudernoten und einer blumigen Rosen-Sinfonie. Ein wenig unschuldig, fast schon mädchenhaft wirkt das zu diesem Moment noch. Einem inneren Impuls folgend entfährt meinen Lippen ein kleiner Seufzer, so einladend duftet das. Ein wenig fühle ich mich erinnert an urweibliche Boudoir-Noten und cremige Pflegedöschen. Wir kommen der Sache also näher… Und schon bald befinden wir uns am Schminktisch einer Vollblutfrau, die sich hier niedergelassen hat und sich fast schon meditativ ihrem Make Up widmet.

Eine elegante, trockene Iris sorgt für diesen sehr speziellen Seidenschleier, den nur sie zu erschaffen vermag. Man möchte sich anlehnen an diese trockene Kühle, gleichzeitig flößt sie auch ein wenig Respekt und ehrfurchtsvolle Achtung ein. Der fleischigen, dunklen Rose gelingt es jedoch, ein wenig dieser Distanziertheit aufzulösen und die Iris für sich einzunehmen. Sie beiden ergänzen sich auch in „Rouge Assassin“ wieder aufs allerschönste und sie bilden ein traumhaftes Paar. Zu den pudrigen Irisnoten gesellt sich noch eine weitere, deutlich ausgeprägte und süsslich angehauchte Pudernote, die auf den Reispuder zurückzuführen ist. Ja, so roch Omas teurer Gesichtspuder, damals als wir noch Kinder waren! Und so duftet auch heute noch so mancher edle Lippenstift, wenn auch immer seltener dieser Note anzutreffen ist. Welch ein Jammer, findet Ihr nicht auch? Umso schöner also, dass sie hier von Jovoy aufgegriffen wurde!


Louise Brooks

Neben der Iris-Kühle ist im weiteren Verlauf immer mehr auch eine buttrige Note auszumachen. Je wärmer „Rouge Assassin“ wird, umso deutlicher tritt diese in Erscheinung. Irisbutter ist es, die hier diese balsamische Buttrigkeit erzeugt. Der Hautduft wird immer deliziöser und gleichzeitig auch immer diffuser, immer weniger greifbar, geschweige zerlegbar in seine Bestandteile. Mehr und mehr wird „Rouge Assassin“ zum unwiderstehlichen Skin-Duft, der ergründet werden will. Die Unschuldsmasche hat ausgedient, hier zeigt sich das wahre Gesicht. Ein warmes, erotisches Herz offenbart sich dem, der leise genug sein kann, um zuzuhören. Die Erotik ist eine zarte, fast schüchterne, zumindest vordergründig. Doch – stille Wasser sind tief – und so brodelt unter der Oberfläche von „Rouge Assassin„, zusätzlich angeheizt vom Ambrettesamen, ein Vulkan. Was folgt ist ein kurzer und heftiger, hochemotionaler Ausbruch, der sich für meinen Geschmack jedoch leider ein wenig zu schnell abkühlt. Insgesamt ist dieser Lippenstift-Attentäter hautnah und weniger für den großen Auftritt, als für intime Momente gedacht.

Leise und stilvoll klingt „Rouge Assassin“ aus. Nicht ohne jedoch eine weitere Einladung auszusprechen. Benzoeharz, Tonkabohne und Vanille locken mit sinnlicher Wärme und sanfter Süße, die Verheißung garantiert. Watteweicher, nicht ganz so sauberer Moschus und edle Hölzer untermalen das Geschehen ziemlich perfekt. Eine Einladung zum Bleiben.

Rouge Assassin“ schwebt irgendwo zwischen Vollweib-Duft und androgyner Schönheit. Wie luxuriöse Dessous umarmt der Duftstoff hauchzart und kaum spürbar die Haut und verschmilzt mit der Trägerin.

Mir gefällt das sehr!

Und Ihr, habt Ihr schon getestet? Wie gefällt Euch dieser Attentäter? 🙂

Viele liebe Grüße
Eure Evelyn

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Wenn Passion, Leidenschaft und Berufung zusammenfinden und ineinander fließen, dann kann das nur einen einzigen Grund haben: Aus Liebe zum Duft! :-)

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