Aedes de Venustas – Œillet Bengale

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Die Krönung

Œillet Bengale ist die dritte Parfumkomposition von Aedes de Venustas. Aedes de Venustas kennen wir schon seit einigen Jahren als die New Yorker Nischenparfümerie, doch mehr und mehr machen sich die beiden gebürtigen Bayern, Karl Bradl und Robert Gerstner, einen Namen als eigenständiges Parfum-Label. Sorgten schon das Signature Eau de Parfum und Iris Nazarena für weltweites Aufsehen und Begeisterungsstürme, so darf Œillet Bengale durchaus als die Krönung verstanden werden.

In einem, aus dem Jahre 1824 stammenden Buch über Rosen, entdeckte Karl Bradl beim Schmökern eine Zeichnung des Botanikers Pierre Joseph Redouté, welcher von 1759 bis 1840 lebte. Das Bild zeigte eine Varietät der China-Rose, nämlich einer Rose, die optisch vorgab eine Nelke zu sein – Œillet Bengale war ihr Name. Die Rosa Indica caryophyllea, wie sie korrekt heißt, faszinierte den Aedes de Venustas Co-Inhaber so sehr, dass ihr anmutiges Bild ihn nicht mehr losließ und so zu seiner Muse wurde. Eine Muse, die noch für viel Verwirrung sorgen sollte, schürt sie doch deutliche Erwartungen und Vorfreude auf einen waschechten Nelkenduft.

Eine Gratwanderung. Das ist mein erster Gedanke zu Œillet Bengale, dem neusten Star aus der Aedes de Venustas Duftschmiede. Eine Gratwanderung zwischen jener sehr speziellen altmodisch angehauchten Nelkenwürzigkeit und einer modernen Interpretation von Wagemut und klassischer Eleganz. Irgendwo dazwischen findet sich Œillet Bengale.

Parfumeur Rodrigo Flores-Roux zeichnet sich für diese Komposition verantwortlich und wer die früheren Arbeiten des Mexikaners kennt, der weiß, dass er nicht für die oft bemühte „Weniger ist mehr“-Charakteristik steht. Er schöpft gerne (und das sehr gut!!) aus den Vollen, kein Wunder, denkt sich so mancher, wenn er sogar in seinem Nachnamen schon die Blumen trägt. Ob für Arquiste, Donna Karan, John Varvatos oder Tom Ford, ihm liegt die Üppigkeit wohl im Blut und ich mag seine olfaktorische Handschrift sehr. Ein tolles Interview mit ihm findet sich übrigens hier, direkt auf den Seiten von Givaudan, den Duftstoffhersteller für den er tätig ist.

Schwarzer Pfeffer, Zimt, Kardamom, Nelke, Safran und eine ungewohnt üppige Brise von nach Zitrone, Kräutern und Ingwer duftender Gelbwurz … Ein Feuerwerk der Gewürze, das die roten Blüten schwärzt. Sobald sie nur noch verhalten züngeln, entfaltet sich ein bezauberndes Aroma von Erdbeerküssen. Gezackte Blütenblätter, wie eine Reihe winziger Zähne: diese aus Bengalen stammende Reinkarnation einer Rose hat auch etwas Raubtierhaftes, unerbittlich bahnt sie sich ihren Weg in das weißpfeffrige Herz aus Ambra. Erst durch den süßen Balsam von Vanille, Tolu, Benzoe und Labdanum wird „Œillet Bengale“ schließlich ganz sanft und rollt sich leise schnurrend zusammen.

Kopfnote: Bergamotte, Weißer Pfeffer
Herznote: Rose, Schwarzer Pfeffer, Zimt, Kardamom, Safran, Kurkuma, Gewürznelke
Basisnote: Tolubalsam, Labdanum (Zistrose), Ylang-Ylang, Benzoeharz, Vanille

Tatsächlich – Œillet Bengale startet explosionsartig und fulminant. Die wagemutige Mischung aus feuriger Würze und durchaus vollmundiger Schärfe entweicht dem lilagrauen Flakon. Faszinierend und auf seltsame Weise auch kühl, obwohl die Schärfe eigentlich Wärme verbreiten müsste. Seidenweich ist die Kühle, die dafür sorgt, dass die knackige Pfeffrigkeit nicht Überhand nimmt, sondern maßvoll gedimmt wird und sich dadurch schnell beruhigt. Keine Angst also, wer wie ich, Pfeffer im Parfum nicht unbedingt sehr schätzt. Hier wurde alles richtig gemacht und die Dosis ist wirklich perfekt ausbalanciert. Die erste große Überraschung also. Zwischen all dieser Würze blitzen strahlende, helle Lichtpunkte auf, die mit sanfter Zitrussäure für Spannung und Leichtigkeit sorgen. Lichtreflexen gleich, sorgt diese herbe Hesperidenfrische für fließende Bewegungen und changierende, sich stetig wechselnde Eindrücke. Ganz greifbar wird das zugegebenermaßen nicht, das lässt sich auch daran erkennen, das bisher noch keine Rezensionen im deutschsprachigen Raum zu finden sind. Denn tatsächlich ist es so, dass Œillet Bengale der Nase einige Rätsel aufgibt.

Rose? Nelke? Rose oder Nelke? Rose und Nelke? Na, was denn nun?! Von beiden etwas, würde ich sagen. Zumindest wurde mit geschickter Auswahl der Gewürze, etwas geschaffen, das doch eine sehr nelkenähnliche Würze, fast eine Schärfe ist es eigentlich, aufweist. Eine Nelke, die einerseits herrlich old fashioned und klassisch daherkommt, anderseits aber jegliches angestaubte Großmutter-Image abgelegt hat. Wenngleich man ehrlich sagen muss, dass im weiteren Duftverlauf mehr und mehr die Rose, diese Säbelzahntigerin, dominiert. Fleischig, samten, dunkel und doch auch kristallklar, fruchtig und strahlend. Gespickt mit fruchtig-holzigem Safran, der hier außerordentlich milde auftritt. Zimt, für die zunehmende Wäre zuständig, Kardamom ebenfalls Wärme spendend, aber auch jene leichte, ätherische Zitronigkeit stiftend, dazu noch eine Prise Gewürznelke und etwas feinnussiges, Muskatnuss vielleicht. Und wie von Zauberhand geschaffen, schwebt da über all dieser Pracht – der Weihrauch. Dunkelsinnlich, warm, balsamisch, dabei jedoch hauchzart und minimalistisch dosiert. Eben darum scheint er die tendenziell fruchtigen Blüten-Akkorde zu verstärken und sanft emporzuheben.

Jene sacht gepfefferte, sich rauchig kräuselnde Würzigkeit, die die Nelken-Rosen-Dramaturgie ummantelt, hat lange Bestand und sorgt auch noch in der seidenweichen Basis für Faszination. Die Blüten-Akkorde werden samtiger, wärmer, verlieren ihre hell leuchtende Strahlkraft, die sich in satte Tiefgründigkeit und zarte Sinnlichkeit verwandelt.

Der rauchig-balsamische Drydown erinnerte mich von der Machart an irgendeinen anderen Duft, ich kam nicht darauf welcher es war. Wenige Tage später fiel der Groschen und ich folgte meiner Fährte, die mich zu Shanghai Lily von Tom Ford führte. Diese zauberhafte Lilien-Interpretation stammt ebenfalls aus dem Hause Givaudan, allerdings nicht von Rodrigo Flores-Roux. Dennoch meine ich hier diesen so speziellen Pfeffer-Akkord wiederentdecken zu können, der mich auch bei Shanghai Lily so gut gefällt, eben weil ich sonst Pfeffer in Parfums nicht unbedingt gerne mag. Sowohl aber Œillet Bengale und auch Tom Fords Lilie schaffen es beide mich restlos zu überzeugen.

Meine Güte, was ein prachtvoller, reicher und edler Duft! Œillet Bengale begeistert mich auf der ganzen Linie und wird meine Sammlung bestimmt vortrefflich zieren. Denn, dass er dort hinein wandern wird, das steht außer Frage. Die Frage ist nur, was mache ich mit meinen vielen anderen Parfums, die nun vor Neid erblassen werden? ;-)) Œillet Bengale ist wirklich ganz, ganz großen Duftkino und vielleicht sogar der schönste, der bisherigen Aedes de Venustas Kollektion. All das in einem Flakon, der wie immer anbetungswürdig aussieht, das aber nur am Rande erwähnt.

Liebe. Eine richtig große. Bestimmt für immer.

Hach! ♥

Herzlichst
Eure Evelyn

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Wenn Passion, Leidenschaft und Berufung zusammenfinden und ineinander fließen, dann kann das nur einen einzigen Grund haben: Aus Liebe zum Duft! :-)

3 Kommentare

  1. Ganz hervorragender, von Verständnis des Wesens des Duftes, Leidenschaft und Verehrung getragene perfekte Beschreibung des Duftes – mein Kompliment und herzlichen Dank! Ich empfinde den Duft ganz ähnlich und kann die Bilder und Stimmungen hervorragend nachvollziehen. Ausgezeichnete Zeilen zu einem wundervollen Duft! 🙂

  2. Christiane on

    Ich finde den Duft durchaus interessant in seiner staubtrockenen, Gewürzbomben-Pudrigkeit – aber für mich ist und bleibt der Signatur-Duft der beste des Hauses. In den habe ich mich Knall auf Fall verliebt, wollte nein musste ihn sofort haben. Dieser hier reicht – für mich – nicht an diese Schönheit heran.

  3. Evelyn @Beauty-Mekka on

    Danke Ihr Lieben, für Euer tolles Feedback und Eure Beteiligung! 🙂

    Christiane, ich war ja in den Signature-Duft anfangs auch total verliebt, kam dann aber nicht mehr mit dieser Tomatengrün-Note klar… Iris Nazarena passte da viel besser und eben jetzt hier dieser wundervolle Schatz hier. ♥

    Aber wären die Geschmäcker nicht verschieden, wie langweilig wäre das dann! 8)

    Herzliche Sonntagsgrüße
    Evelyn

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