Enzyklopädie der Vanilledüfte – Teil 1

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Die Vielfalt der Vanille

Über Vanille und die vielen verschiedenartigen Düfte, die sie hervorbringt, ist schon vieles geschrieben worden. Es gibt unendlich viele Vanilledüfte, von rauchig-unsüss bis hin zu sättigend-kariesauslösend ist alles möglich. Bei meiner Recherche für diesen Artikel habe ich schnell gemerkt, dass ich mich unmöglich auf nur eine einzige Facette beschränken kann, beschränken will. Zu unterschiedlich fallen die Ergebnisse aus, je nachdem welche Eigenschaft man als Parfumeur in den Mittelpunkt stellen möchte. Meine Liste wurde also länger und länger, damit aber leider auch unübersichtlicher. Eine Sortierung musste also her.

Als diese dann gefunden war, machte ich mich daran, in die von mir bestimmten Kategorien eine Unmenge von Vanilledüften einzusortieren. Mon Dieu, warum habe ich nicht gleich bemerkt, welch Mammut-Projekt ich da angegangen bin?! Zu jeder Kategorie finden sich locker 20-30 Kandidaten, manche davon müssten aber auch mehrfach genannten werden, denn sie haben oftmals mehrere Eigenschaften. Sind also beispielsweise einerseits dunkel und verrucht, anderseits aber auch Dessert-Vanille. Ich habe  also hin und her und wieder zurück geschoben, kopiert und überlegt. Tagelang. Genau genommen über einen Zeitraum von fast 3 Wochen, mich immer wieder mit den Vanilledüften befasst und dabei fast 100 verschiedene Vanilledüfte getestet. Mein Büro (und ich!) dufteten zeitweise wie eine Mischung aus Vanillekipferl und Vanilla-Pfeifentabak und der Liebste bekam schon Lust auf Weihnachten. 😉

Aber okay – ich glaube, ich habe es geschafft und eine richtig große, übersichtliche und fundierte Vanilleduft-Sammlung, sozusagen ein Kompendium der Vanilledüfte, zusammengetragen. Klar, ich kann das unmöglich alles in einen Artikel pressen, die schiere Größe würde Euch erschlagen und Ihr wäret schnell übersättigt angesichts dieser massiven Flut. Also wird es 5 Teile geben, die ich Euch ab heute und in den nächsten Tagen präsentieren werde. Ich werde nicht zu allen Kandidaten einen Roman schreiben können, sonst kämen wir auch hier nie zu einem Ende. Aber ich habe bei jedem der vorkommenden Düfte einen  persönlichen Eindruck gewonnen und versucht diesen in Worte zu kleiden. Mal etwas ausführlicher, mal eher nur stichwortartig.

Ich wünsche Euch, besonders natürlich den Vanille-LiebhaberInnen, ganz viel Freude beim Entdecken und Testen von ganz vielen wunderbaren Leckerchen. 🙂

Beginnen wir heute mit der Kategorie Dunkle, rauchige Würz-Vanille mit dem gewissen Etwas:

Vanille von Mona di Orio ist unkonventionell, unsüß, erwachsen, rauchig, trocken, sexy und unwiderstehlich an beiderlei Geschlechter. Für mich einer der perfektesten Vanilledüfte, der so edel und elegant komponiert ist, dass es für ein bisschen Luxus im Alltag, nicht mehr braucht als diesen Duft und vielleicht noch ein zärtliches Kaschmirtuch. Annick Goutal Vanille Exquise ist auch einer der eher rauchigen, würzigen Vanilledüften, bei dem die Süße eher verhalten und erwachsen wirkt. Zum hohen Kuschelfaktor gesellen sich exquisite Mandelkuss-Fantasien und allerschönste Holz-Nuancen. All das ergibt zusammen einen der erfolgreichsten Vanilledüfte, der je geschaffen wurden.

Absolu de Vanille aus der Les Parfums d’Absolu Kollektion von Maison de la Vanille verzaubert mit tiefgründigem Vanille Absolue und einladenden dunkelholzigen Nuancen, neben Vanille sind das hauptsächlich Schokoladen-Patchouli, Tonkabohne und Puder-Opoponax. Feinherbe Weichheit und grandiose Würze garantieren hier ein wunderbares Vergnügen. Comptoir Sud Pacifiques Vanille Ambre ist eine rauchig-süße Vanille mit likörigem Amber. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dunkel, aber nicht laut, stark, aber nicht aufdringlich, ein gesitteter Schatz also, der zu Gefallen versteht.

Die Mutter aller Vanilledüfte ist für viele zweifelsfrei das legendäre Shalimar. Wer auf der Suche ist, nach einer trockenen, nicht zu süßen, eleganten und erwachsenen Vanille, die trotzdem Herz und Seele wärmt, der kommt an Shalimar nicht vorbei. Besonders die Trilogie Ode à la Vanille ist unübertroffen. Ob Sur la Route de Madagascar, Mexique oder die „normale“ Ode – alle drei haben ihre absolute Daseinsberechtigung und enthüllen jedes Mal eine andere Seite der so heißgeliebten Schoten. Für Shalimar-Fans Pflicht, für alle anderen ein Muss. 🙂

Bleiben wir in der Meisterklasse, Guerlain hat einige Referenz-Vanillas im Sortiment, die allesamt zu begeistern wissen. Allen voran natürlich das legendäre Spiritueuse Double Vanille, die Likör-Vanille. Ordentlich beschwipst kommt sie um die Ecke und macht schlicht und einfach süchtig. Woran das liegt? Vielleicht an der göttlichen, hauchzart geräucherten Vanille in Perfektion? 🙂 Auch Angelique Noir trumpft mit eben jener sensationell schönen Guerlain-Vanille auf, wenngleich ich den Duft nicht unbedingt als klassischen Vanilleduft einordnen möchte. Aber der vanillegeküsste Dry Down ist irgendwie nicht von dieser Welt und deshalb muss man diesen Dufttraum unbedingt kennen. Mein Insel-Duft, mein „wenn nix mehr geht“-Duft, mein Ich-Duft. Gelayert mit einem Spritzer von obiger Vanille ein Gedicht…! Wer Geschmack an der Guerlain-Vanille gefunden hat, der wird auch stehenden Fußes Cuir Beluga (weltschönstes Schmuse-Leder!) und Tonka Imperiale verfallen. Sagt nachher nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt…!

La Vaniglia aus dem Hause Bois 1920  ist die Porno-Vanille unter den dunklen Schoten und einer meiner großen Duftlieben. Rauchig-trocken, dunkel-sinnlich, maßvoll süß und unverschämt sexy. Göttlicher, süchtig machender Stoff! Frederic Malles Musc Ravageur nimmt es locker damit auf und stiftet eine zusätzliche, ganz ordentliche Portion Sexiness. Die zimteigene, erotisierende Schärfe, gepaart mit schmutzig-erregendem Moschus macht das Ganze delikat, aber auch sehr speziell. Felanilla von Parfumerie Générale ist ebenso durch und durch ungewöhnlich und ganz schön speziell. Hat man sich aber mit der etwas strange anmutenden Kopfnote aus Safran und Iris arrangiert, offenbart sich ein ganz wundervoller, lang anhaltender und außergewöhnlicher Vanilleduft. Für alle, die mal etwas ganz anderes wollen. Auf meiner Haut leider sehr kratzig, dafür auf Männerhaut umso verlockender. Tobacco Vanille von Tom Ford – oft kopiert, nie erreicht. Ein Hauch von Weihnachtsbäckerei und heimeliger Gemütlichkeit, trotzdem aber unanständig verrucht und sexy, an Frauen genauso wie an Männern. Leider droht schneller Knock-Out durch Überdosierung!

Antonio Viscontis Cœur de Vanille ist ein echter Geheimtipp! Herb, harzig, mit unnachahmlichen Haselnussaroma. Der pfeffrige Auftakt ist ungewöhnlich und abseits ausgetretener Pfade. Eine Klasse für sich und wirklich ganz besonders. Anima Dulcis von Arquiste ist kein typischer Vanilleduft, Vanille spielt nicht einmal die Hauptrolle, diese hat hier nämlich pudriger, dunkler Kakao inne. Und doch – auch die hierbei zum Einsatz gekommene Vanille ist erlesen und macht all jene glücklich, die nicht vordergründig nach Vanille duften wollen. Auch Raghba, hierzulande kaum bekannt, ist ein typischer Orientale von Lattafa, den ich mal irgendwann irgendwo in den Tiefen des Internets entdeckt habe und der deswegen auch als Geheimtipp gilt. Einem Elixier gleich, suhlen sich honig-süße Trockenfrüchte in harziger Vanille, gewürzt mit einer Mini-Prise Adlerholz. Sinnlich und aufregend!

Kenzos Amour Le Parfum ist kein vordergründiger Vanilleduft, umso schöner ist die Entdeckung der herrlich vanillesatten Basis. Unbedingt testen, das ist ein traumhaft schöner Herbst/Winterduft, der mit watteweicher Sinnlichkeit und wärmender Würzigkeit punktet. Ambre et Vanille von Coudray dagegen ist eine typische Kuschel-Vanille mit Suchtfaktor. Die Wärme strahlt Sinnlichkeit aus und verführt zu Nähe. Die orientalischen Gewürze verstärken die Präsenz und den Eindruck von 1001 Nacht. Verführerisch und dunkel-würzig.

Die Vanille von Réminiscence erfreut sich seit ihrem Erscheinen allergrößter Beliebtheit. Das kommt nicht von ungefähr, denn diese zauberhafte Vanille-Komposition ist so was von schön, das es eine wahre Freude ist den Duft zu tragen. Unaufgeregt, nicht zu dick aufgetragen, dabei sinnlich und freundlich, seidigweich, perfekt dosierte Süße, dahin gehauchte Sinnlichkeit und irgendwie der Vanille aus Cuir Beluga nicht ganz unähnlich. Kuschel-Modus trifft auf lässige Eleganz des Kaschmirpullovers.

Ziemlich unbekannt ist ein weiterer meiner Lieblinge, auf den ich mich im Herbst immer sehr freue. Ella Night von Elinros Lindal ist kuschelig, einhüllend, weich und würzig und wohltuend wie eine zärtliche Umarmung oder ein edles Wolltuch. Für mich ein absoluter Wohlfühlduft, den ich über alle Maßen liebe.

Auch Martine Micallef liebt Vanille, wie man dort schon mit etlichen Düften bewies. Note Vanillée steht für Vanille satt, getränkt in Rum und Cognac. Ein typischer Florientale, der leider nicht mehr produziert wird, trotzdem einer der intensivsten und ausdrucksvollsten Vanilledüfte ist. L’Artisans Vanille Absolument / Havana Vanille ist ölig, dickflüssig, schwer, dunkel, intensiv nach Rum und Rauch duftend und – gar nicht mein Geschmack. Für mich eindeutig zuviel des Unkonventionellen, zu wenig typische Vanilleweichheit. Trotzdem – einer der beliebtesten Vanilledüfte, der allerdings (leider?) auch discontinued ist.

Eine Vanille für kleines Geld bekommt man mit Vanille Noire von Yves Rocher. Nicht zu süß, in der Tendenz eher trocken mit leichter Heunote und leise an Pfeifentabak erinnernd. Nichts Spektakuläres, aber dennoch gut gemacht und tragbar an Tagen mit Lust auf herbere Vanilleschattierungen. Der Gegenentwurf hierzu lautet: El Born von Carner Barcelona. Dunkel, süß, schwer und mit hinreißend schöner Vanillenote. Suchtstoff, aber was für ein schöner! Le Parfum von Lalique reicht sich ein in die Riege, der eher würzigen Vanilledüfte. Edel-würzig,  sanft, mit einer ganz wunderbaren und ungewöhnlichen Lorbeer-Würze und sagenhaften Mandel-Heliotrop-Küssen. Aufsprühen, Wohlfühlen und genießen. Immer und immer wieder.

So meine Lieben, das waren sie, die eher unsüßen, erwachsenen und tendenziell rauchigen und herb-süßen Vanilledüfte. Klar, die Einordnung erfolgt natürlich subjektiv und meinem Empfinden entsprechend. Möglicherweise empfinde ich Süße anders, als jemand der damit gar nicht kann. Um sicherzugehen hilft natürlich nur eigenes Probieren weiter. Übrigens – wer mehr wissen möchte über Vanille, ihre Anbauweise, die verschieden Arten und ihre Besonderheiten, dem sei die Seite Vanilla-Queen empfohlen. Hier bleiben garantiert keine Fragen offen! 🙂

Schon bald geht es weiter mit den Dessert- und Süßschnäbel-Vanilledüften. 🙂

Bis dahin,
viel Vergnügen beim Testen und Genießen!

Eure Evelyn

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Wenn Passion, Leidenschaft und Berufung zusammenfinden und ineinander fließen, dann kann das nur einen einzigen Grund haben: Aus Liebe zum Duft! :-)

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