Best of Agarwood – Teil 2

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Adlerholzdüfte für Einsteiger

So meine Lieben, heute verschenken wir keine Zeit, sondern stürzen uns, wie bereits in der Teil 1 angekündigt, direkt ins Oud-Getummel. Immerhin stehen die nächsten Tage fast 100 verschiedene Düfte, mit mehr oder minder viel, Adlerholz auf dem Programm, eine ganze Menge Holz also.

Vorab nur noch eine kurze Erläuterung zu meinen jeweiligen Einteilungen und Kategorien. Da ich Euch ja schlecht 100 Düfte unsortiert und unstrukturiert um die Nasen hauen kann, musste ich versuchen diese irgendwie zu katalogisieren. Bei manchen fällt das ganz leicht, andere dagegen lassen sich kaum greifen, geschweige denn in eine Schublade packen. Außerdem sind die Grenzen oft sehr fließend, laufen ineinander, vermischen sich und lassen sich nicht klar eingrenzen. Ein Duft, den ich als süß und fruchtig einordne, kann also durchaus auch strahlend hell und freundlich sein. Oder die sanfte Würze geht auch als Einsteiger-Oud durch. Nehmt also meine Einteilungen zur Kenntnis, aber nicht bierernst. Sie dienen lediglich ein wenig dazu den Überblick zu behalten und auch noch nach dem 89 Oudduft durchzublicken.

Lasst uns heute mit den Ouddüften für neugierige Einsteiger und Neulinge beginnen. Einsteigerdüfte nennen wir sie deshalb, weil sie in der Tendenz eher sanft daherkommen, das Oud keine großartig dominierende Rolle spielt, sondern sacht und behutsam dosiert wurde.

Blamage von Nasomatto ist nicht nur der letzte Duft der exzentrischen Kollektion von Alessandro Gualtieri, sondern vielleicht auch der gefälligste. In jedem Fall aber einer der frischesten und hellsten Düfte, die mit Oud je kreiert wurden. Die weiche, milchig-würzige Komposition ist ein echter Schmeichler und ein sehr, sehr schöner Einstieg ins Thema – auch wenn Oud als Ingredienz gar nicht bestätigt ist. Hier habe ich Blamage auch schon für Euch rezensiert und ihn natürlich auch ausführlich beschrieben.

Sehr spielerisch, experimentell fast, geht man bei Zarkoperfume mit dem erlesen Holz um. Oud’ish ist eine Lichtgestalt, schillernd, luftig, mit kühlen Nuancen und watteweichen Holz-Akkorden. Hier wurde das Adlerholz wirklich sehr sparsam und leichfüßig dosiert, anders hätte es in dieser minimalistisch anmutenden Kreation auch nicht gepasst. Unwiderstehlich gefühlvoll und tatsächlich auch ein Begleiter für sommerliche Temperaturen. Hach! Wo bitte geht’s zum Meer? Diesem Thema hat sich auch Boadicea the Victorious mit Bayswater aus der Gold Collection angenommen. Der feminine, sanfte Duft überrascht mit Vanille und Kokos und die Oudnote ist wirklich sehr gefühlvoll arrangiert.

Ain't No Sunshine by ElifKarakoc

Ain’t No Sunshine by ElifKarakoc

Mein Liebling dieses Themas ist jedoch Shelter Island von Bond No.9. Normalerweise weniger mein Lieblings-Label, aber Shelter Island liebe ich absolut und ich freue mich schon, wenn dieser rechtzeitig zum diesjährigen Frühlingsbeginn bei mir einziehen wird! Die Komposition lebt von salzig-skinnigen Meeresnuancen und einer hauchfeinen, wirklich dezenten Oudnote, die dem Ganzen jedoch unglaublich viel Tiefe und Langlebigkeit einhaucht. Achja – Lilie sollte man aber schon mögen, sonst gibt das nix mit der Sommerliebe! Bereits seit 1999 erfreut der Signature-Scent 10 Corso Como Fans und Insider auf der ganzen Welt. Einerseits begegnet man hier der klassisch-arabischen Rosen-Oud-Kombination, anderseits jedoch, ist der Düft so fein, so minimalistisch dosiert, dass ich ihn als Einsteiger-Oud sehe. Neben Adlerholz spielen noch Weihrauch, Sandelholz und saftige Fruchtnoten eine tragende Rolle. Ganz zu unrecht hierzulande noch immer wenig bekannt.

Einen ganz großartigen Einstieg ins Thema bietet auch Oud Shamash aus der Collection Excessive von The Different Company. Die Adlerholz-Zugabe hält sich im Rahmen, dennoch ist der Duft von Bertrand Duchaufour unglaublich faszinierend und anziehend. Strahlende, funkelnde Goldfacetten treffen auf bizzelige Pfefferbeeren, mehr Frucht statt Pfeffer, dennoch aber prickelnd und mit minimaler, hauchfeiner Schärfe. Balsamisch und würzig, dennoch kein klassischer Orientale und auch kein klassischer Oudduft. Testen, wer dieses herrliche Duftwerk nicht kennt!

Mit Oud and Bergamot sprang man auch bei Jo Malone auf den Adlerholz-Zug auf. Ich habe das Düftchen nicht als Probe vorliegen, hatte ihn nur irgendwann einmal am Counter getestet. In meiner Erinnerung war die erfrischende, strahlend-zitrische Paarung von Oud und Zitrusfrucht recht eigenwillig, aber durchaus für Einsteiger geeignet. Man muss nur sehen, ob man hier diese starken Gegensätzlichkeiten wirklich gerne mag. Mein Fall war es ehrlicherweise nicht, ich hätte mir mehr Deutlichkeit – in die eine oder andere Richtung – gewünscht.

Winter Takes A Long Time by ElifKarakoc

Winter Takes A Long Time by ElifKarakoc

Auch Precious Oud aus der Van Cleef & Arpel Collection Extraordinaire macht sich sehr gut als Einsteiger-Kandidat. Dank seiner blumigen Süße würde er auch gut in die Kategorien „süße Ouddüfte“ und „blumige Ouddüfte“ (die folgen noch) passen, doch die Erfahrung zeigt, dass viele Oud-Gegner und all jene, die eigentlich wenig mit den balsamisch-harzigen Räucherdüften anfangen können, hier begeistert das Näschen blähen. Kein Wunder, denn die köstliche Melange aus buttrigen, dichten Jasmin- und Tuberosenblüten und wärmenden, sanften Holz-Akkorden ist wirklich sehr schmeichelhaft und verlockend in seiner süßen Weiblichkeit.

An Juliet has a Guns Midnight Oud scheiden sich die Geister ein wenig. Die einen haut es hiervon schon um, die anderen sind hin und weg. Meines Erachtens ist die Oudnote tatsächlich dezent, dennoch nicht zu unterschätzen, dank der klassisch-arabischen Rosen-Überdosis. Dadurch bekommt der Duft doch einiges an Volumen, glänzt dabei aber vor allem durch seine prachtvolle Entwicklung und die tolle Haltbarkeit. Wer sich also schon etwas mehr traut und Rosen wirklich liebt, der sollte hier einmal testen. Ein Oud-Interpretation, die wirklich auch für alle Tage tragbar ist und trotzdem Ausdruckskraft und Intensität besitzt. Ein weiterer Tipp, der Neulingen in Sachen Agarwood immer gerne gegeben wird, ist Royal Oud von Creed. Aktuell habe ich zwar keine Probe davon mehr auf Lager, entnehme aber meinen alten Test-Notizen, dass es sein sehr weicher, gefälliger und schmeichelnder Oudduft ist. Das Oud ist dezent dosiert, eckt nicht an und ist alleine deswegen schon perfekt als Einstiegsduft geeignet. Dank grün-zitrischer Frische durchaus ein Ganzjahresduft, der es sicherlich immer schafft, dass man sich wohl in seiner Haut fühlt. Der Hauch von Noblesse und Eleganz steht übrigens auch so manchem Frauentyp gut zu Gesicht.

she sleeps with butterflies. by tori-f

she sleeps with butterflies. by tori-f

Überraschenderweise gibt es auch aus der Montale-Riege einen Einsteiger-Duft mit Oud. Ja, wirklich! Ich konnte das selbst kaum glauben, ist Montale sonst eher bekannt für ziemlich offensive, manchmal sogar laute Oudnoten. Doch tatsächlich gibt es Ausreißer, einer davon ist Orange Aoud. Nicht unbedingt ein Meisterwerk, so ehrlich muss man sein, doch aber ein gutes Beispiel, dass man sich Oud auch auf leisen Sohlen annähern kann. Die Kombi mit lichtdurchfluteten orangefarbenen Bergamottennoten ist gewagt, aber wirklich gut gelungen. Unbedingt empfehlen möchte ich auch gerne Night Aoud aus dem Hause Micallef. Ungewöhnlich weiblich, fast verspielt ist das Räucherholz in dieser Komposition herausgearbeitet. Die von Leichtigkeit und Romantik geprägte Kopfnote wird abgelöst von der Herznote, die ebenfalls lichtdurchlässiger erscheint, als der Name erwarten lassen würde. Hell und funkelnd, Sternschnuppen einer Vollmondnacht gleich, fließen die Duftnoten ineinander und entfachen ein olfaktorisches Feuerwerk der Gefühle.

Das waren unsere Kandidaten für heute, meine Lieben! Ich hoffe, die Auswahl hat Euch gefallen und neugierig gemacht und den einen oder anderen vielleicht dazu animiert, sich auch mal wieder mit dem kostbaren Adlerholz zu befassen.

Schon übermorgen machen wir weiter, dann stelle ich Euch strahlendhelle, freundliche Agarwood-Düfte vor.

Bis dahin also Liebe für Euch!

Eure Evelyn

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Wenn Passion, Leidenschaft und Berufung zusammenfinden und ineinander fließen, dann kann das nur einen einzigen Grund haben: Aus Liebe zum Duft! :-)

2 Kommentare

  1. Hallo liebe Evelyn,
    tatsächlich ist Precious oud der einzige Oud-Duft für mich geblieben. Einfach, weil er für meine Nase gar nicht nach Oud riecht.
    Neugierig bin ich jetzt auf den Orange-Oud-Duft geworden. Wenn er hauptsächlich nach Orange duftet und mit Holz ein wenig geerdet wird, dann könnte er passen. (Und Montales mag ich viele)
    Ich bin sehr gespannt!
    Liebe Grüße, Birgit

    • Ja, liebe Birgit,

      teste den mal, der könnte Dir wirklich gut gefallen, das glaube ich auch! 🙂

      Und Shelter Island fürs kommende Frühjahr nicht vergessen! 🙂

      Ganz viele liebe Grüße
      Evelyn

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